Ausgeblendete Armut

Politik ist für eine funktionierende Gesellschaft verantwortlich; das ist ihre Aufgabe; dafür wurden die Volksvertreter gewählt und berufen. Kleinkinder versuchen instinktiv ein offenkundiges Ungleichgewicht ins Lot zu bringen. Diese Eigenschaft wird uns beim Erwachsen werden ausgetrieben. Nun sind Politiker auch Menschen, deren frühkindlicher Gleichheitssinn ebenso von konträren Einstellungen gezähmt oder gleich ganz verdrängt wurde, wie bei jedem Bürger. Stammen sie zudem aus einem gut situiertem Elternhaus, waren und sind klassenübergreifende Berührungen eher unwahrscheinlich.

Politiker können oder wollen Unterschiede nicht sehen; sie können oder wollen sie nicht verstehen, weil sie schlichtweg nicht in der Lage sind, sie zu begreifen. Natürlich können sie ausschweifend darüber Palavern, das beherrschen sie aus dem Effeff, unterstreichen damit aber lediglich ihre Ahnungslosigkeit. “An ihren Taten sollt ihr sie erkennen”, steht bereits in der Bibel (1. Johannes 2, 1-6). Deswegen brannte sich SPD Altkanzler Schröder ins kollektive Gedächtnis ein, weil er gewissen- und verantwortungslos aus einer sozialen Partei eine asoziale formte.

Seitdem fallen immer mehr Bürger durch die sich weitenden Maschen des Wohlstandssieb in die karge Holzklasse. Doch im Gegensatz zu den Bonzen und ihren linkischen Politik-Lakaien, halten diese Menschen an ihrem Anstand fest und versuchen sich ihre Würde zu erhalten. Bei so manchem ist es der letzte Besitz, den sie zu retten versuchen.

Eisern wird ignoriert, dass Reichtum durch Umverteilung generiert wird und nicht einfach aus dem “Nichts” wächst. Was “Oben” ankommt, wird “Unten” ausgesaugt. Mit Schulden versuchen die Aussortierten sich ein letztes bisschen Achtung zu erkaufen, was die prekären Verkettungen nur weiter anspannt. In dieser nahezu aussichtslosen Lage wird jeder Strohhalm, jedes dargebotene Ventil zum Druck ablassen, ohne lange zu überlegen, hinterfragen oder abzuwägen, angenommen. Armut ist unglaublich schmerzhaft, zerstörerisch und tötet langsam.

Doch statt sich dieser Problematik zu stellen, wird noch Öl ins Feuer gegossen. Statistiken werden nach Möglichkeit verschwiegen, nur am Rande erwähnt und bestenfalls sogar getürkt oder mindestens zurechtgebogen. Neben realen Hürden, die Armen bewusst und gewollt in den Weg gestellt werden, müssen sie auch noch Häme, Ächtung und Erniedrigungen ertragen. “Selbst Schuld” ist dabei der widerlichste, unmenschlichste und dümmste Vorwurf. Aber es nützt ja nichts, das Begriffsstutzigen zu erklären.

Allerdings ist es auch keine Lösung, wenn Betroffene heuchlerischen Rattenfängern auf den Leim gehen und die Gesamtsituation nur verschlimmern. Die “Feinde” kommen nicht aus dem Ausland, sondern aus den eigenen Reihen. Aber so, wie man in der Politik verblendet ist, adaptiert das Volk dieses Verhalten. Wahrheiten ausblenden, ist schön einfach und behaglich.

Mehr Lektüre:

Leistungsverzicht: Mindestens ein Drittel verzichtet auf Hartz-IV-Anspruch (O-Ton Arbeitsmarkt)

Esst doch weniger! (junge Welt)

Des Armen Armut (der Freitag)

Urteil: Kostenübernahme bei Anschaffung eines PC’s (Gegen Hartz)

Ich bin Tochter einer Hartz-IV-Empfängerin und der Staat zwingt mich, weiter arm zu bleiben (Vice)

Urteil: Haben Jobcenter Ermessen bei der Rücknahme von Hartz IV-Leistungen bei einem verschwiegenen Vermögen? (Gegen Hartz)

Hälfte der rentennahen Jahrgänge muss potenziell Konsum einschränken (Telepolis)

Bittere Armut und unmenschliche Minijobs (Telepolis)

Vom Verlust der inneren Würde (Deutschlandfunk)

Zahl der Stromsperren steigt (Tagesschau)

Zu viele Schulden. Nein, nicht in Griechenland oder Italien, sondern mitten unter uns. Zum SchuldnerAtlas 2018 und den Ausstrahlungen der Altersarmut (Prof. Dr. Stefan Sell)

„Die Armen sind für Politiker nicht interessant“ (NachDenkSeiten)