Digitalisierung entlarvt Primitivität

Aktionen wie “Geiz ist geil” oder “ich bin doch nicht blöd” demonstrierten die allgegenwärtige Dominanz unserer niederen Triebe. Die zunehmende Digitalisierung offenbart ein erschreckendes Ausmaß der verantwortlichen Charakterzüge: Macht und Kontrolle. Sich über andere zu erheben, ist die größte Befriedigung. Bis in die Politik sind autokratische und diktatorische Bestrebungen nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Wirtschaft spielt zwar ihr eigenes Spiel, aber nach den gleichen Regeln. Schon immer bedeutete Wissen Macht, erreicht aber durch die heutigen Möglichkeiten neue Dimensionen. Deshalb stellen zum Beispiel Google und Facebook eine von den Massen komplett unterschätze oder ignorierte Gefahr dar. Lieber frönt die dumpfe Herde den oberflächlichen Vorteilen und fühlt sich durch die suggerierte Aufmerksamkeit mächtig wichtig. Mit den neuen Hilfsmitteln kann nun jedes einfältige Schaf seine Gelüste ausleben. Ungefiltert ergießt es seine Beschränktheit in die Öffentlichkeit. Alles, was nicht verstanden wird oder den eigenen Vorstellungen entspricht, wird gnadenlos nieder geschrien. Zweifel über die Rechtmäßigkeit seines Handelns regen sich nicht, weil Anstand und Moral zum Zeichen der Schwäche verkommen sind. Außerdem muss die Wut über seine Missachtung und Unterdrückung raus. Finden eigene Bedürfnisse permanent kein Gehör, entsteht das Gefühl eines ewigen Verlierers. Unvermeidbar erwacht das innere Raubtier. Friedliche Veranstaltungen enden durch nackte Gewaltausbrüche als Kriegsschauplätze. Auf digitalen Kanälen wird erbittert unter die Gürtellinie geschossen. Dabei verwundern weder Aggressivität, noch Primitivität. Politik produziert massenhaft Verlierer und damit Ängste. Wer sich in die Enge getrieben oder seine Felle davon schwimmen sieht, wehrt sich mit einfachen, automatisch aktivierten Mitteln, den animalischen Trieben. Gerade intellektuelle Unterschiede reizen schlichte Gemüter. Weil jetzt gleiche Zugänge und Medien genutzt werden, herrscht eine vermeintliche Waffengleichheit – das Scharmützel ist programmiert. Ausgetragen in sämtlichen Schichten und Strukturen divergieren Stil und Tonart, beinhalten aber dieselbe Thematik: Jäger und Gejagte. Die unterste Ebene wird zu Getriebenen auserkoren, doch wer akzeptiert freiwillig, nur zum Opfer zu taugen?

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