Grenzenlos beschränkt

Der Mensch will Alles – natürlich nur für sich allein. Dieser animalische Trieb ist tief im Gehirn verwurzelt. Er könnte diesen steuern, würden er das benutzen, was ihn angeblich vom Tier unterscheidet: Bewusstsein und Intelligenz. Ist der Tisch reichlich gedeckt, pickt er sich seine Leibspeisen heraus und vernachlässigt den Rest. Er hält das für eine vernünftige und einzig richtige Entscheidung. Warum sich von der Vielfalt erschlagen lassen, wenn ihn seine Auswahl voll und ganz befriedigt? Werden ihm seine Lieblinge zudem über ein vermeintlich kostenloses Angebot kredenzt, ist er vollends entzückt. Seinem Anspruch nach hat er alles richtig gemacht. In seiner maßlosen Völlerei finden weiterreichende Gedanken keinen Zugang mehr zum Gehirn. Auf die Idee, dass der verschmähte Rest erst verkümmert und dann versiegt, kommt er nicht. Ganz auf sein begrenztes Sortiment konzentriert, ignoriert er entstehende Abhängigkeiten. Nebenbei verlernt er Nutzen und Bedeutung von Vielfalt. Vollständig unterwirft er seinen Willen den verbliebenen Anbietern. Durchzieht dieses Verhalten alle Lebensbereiche, sticht es besonders im Internet deutlich hervor. Zu Beginn regelrecht von dessen Möglichkeiten überfallen, schwelgten die Menschen in dessen schier unendlichen Weiten. Bis es sie überforderte. Schwächen schreibt der Mensch nur anderen zu, gesteht sich selbst aber keine ein. Stattdessen begnügt er sich mit selbst erschaffenen Grenzen und verkauft dies als Vollkommenheit, um vom eigenen Versagen abzulenken. Google (inkl. YouTube), Facebook und Amazon stellen die Hauptmahlzeit, flankiert von einer handvoll gleichbleibender Beilagen. Das reicht seinem marodierendem Geist zum Satt werden. Seine Bequemlichkeit verhindert dann, über den Tellerrand zu gucken und festigt einen überschaubaren Horizont. Komplett seinen wenigen Lieferanten ausgeliefert, schluckt der Einzelne fortan alles ihm vorgesetzte. Die Macht über ihn wächst. Wenn die Einfältigen irgendwann den faden Geschmack ihrer Beschränktheit bemängeln sollten, wird es für eine Korrektur zu spät sein. Fuchsteufelswild werden sie dann zetern … und dem Nachbarn die Schuld geben.

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