Ich kaufe, also bin ich

Heutzutage kommt der imaginäre Glauben nur noch zum Zug, wenn ein Ereignis unsere Vorstellungskraft oder Akzeptanzvermögen übersteigt. Insgesamt bewegt er sich in seiner Bedeutung auf dem Rückzug. Nicht freiwillig, denn so manches mal muss er sich die Klagen über unerfüllbare Wünsche an die neue Gottheit anhören, dem die Menschheit verfallen ist: Geld. Unterdessen jubelt das Kapital und infiltriert die Köpfe der Abhängigen immer stärker mit seinen gefälschten Bildern von einer schönen neuen Welt, die nur Geld ermöglichen wird und kann. Bei drohendem Ungemach oder aufgedecktem Ungleichgewicht wird der schwarze Peter den Konsumenten untergeschoben oder Argumente umgebogen und wieder als Waffe eingesetzt. Durch die inzwischen erlangte Allmacht prallen Angriffe spurlos ab. Alternativlos frönen sie hemmungslos ihrem unstillbaren Hunger. Übrig bleiben zerstörte Existenzen – Firmen, Händler und entlassene Mitarbeiter von geschluckten Unternehmen. Begünstigt durch alle Menschen, die leichtgläubig ihren Kopf an der Garderobe abgeben und willenlos von den monotonen Litaneien der Finanzdiktatur infiziert werden. Völlig dem Kaufwahn erlegen werden die Gefahren durch die sich konzentrierende Mittelbündelung übersehen oder schlicht ignoriert. Hinterfragt wird nicht mehr, weil es zu unbequem und anstrengend ist – ein Klick, gekauft, komplizierter darf es nicht mehr sein und werden. Die Größe des Warenkorbs dient der Identifizierung, weshalb Billig die angestrebte Maxime ist, denn auch die Zurückgelassenen und Aussortierten suchen ihr Heil in der neuen Religion. Zusammenhänge interessieren nicht mehr, notfalls muss bei Aufregern Pauschalisierung reichen. Unter diesen günstigen Gegebenheiten können die Sektenführer schamlos agieren und sich genüsslich an der zügellosen Begierde der Gläubigen laben. Während sich der Geldadel weiter abhebt, geraten alle darunter befindlichen Schichten in Schieflage. Instabilitäten wachsen und drohen in verlustreiche Katastrophen zu münden. Nur an der neuen Gottheit wird nicht gezweifelt, denn ohne äußeren Halt scheint der Mensch seine Orientierung zu verlieren und droht von der eigenen Unzulänglichkeit zerfressen zu werden … und irgendwie muss die innere Leere schließlich gefüllt werden.

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