Personalisierte Sucht

Hofiert und beachtet werden; sich wichtig und wertvoll fühlen; Inhalt und Bedeutung fürs Leben finden; diese Bedürfnisse treiben jeden um. In vergangenen Zeiten blieb für deren Suche und Erfüllung keine Zeit, weil andere Tagesabläufe die Menschen dominierten. Vor allem knechtete die Arbeit jeden Müßiggang aus den Köpfen. Immer geht es ums Überleben – damals wie heute. Dieser Kampf will belohnt werden, dann sorgen Hormone im Gehirn für Glücksgefühle. Demnach besteht ein natürlicher Bedarf, dem sich niemand entziehen kann und der nach Befriedigung giert. Gerne erfüllt die Konsum-Wirtschaft dieses Streben. Werbung wurde intensiviert und dient einzig dazu einen Bedarf zu wecken, wo keiner ist. Dann kam das Internet. Ein nie versagendes Füllhorn an Möglichkeiten – für beide Seiten. Selbstdarstellern bot sich eine günstige Bühne, auf der einige bald heraus stachen und zu Vertretern 2.0 umfunktioniert wurden. Als “Star von nebenan” genießen sie einen unergründbaren Vertrauensbonus, den sie schamlos in bare Münze umwandeln. An ihren neuen Titel “Influencer” (Beeinflusser) reibt sich merkwürdigerweise niemand. Ganz allgemein befriedigen die sozialen Medien auf einfache Weise Sehnsüchte: Aufmerksamkeit – Anerkennung – Bedeutung. Im Umkehrschluss alles, was zu fehlen scheint. Durch die hinterlassenen Datenspuren, die fleißig von der Wirtschaft eingesammelt werden, findet eine direktere Ansprache statt. Gebauchpinselt ist der nächste Einkauf zur Belohnung nur einen Klick entfernt. Der Handel jubiliert, während sich bei den Konsumenten das Suchtverlangen meldet. Kaufsucht (DE: 5 %) hat Bulimie (DE: 2 %) und Essstörung (Anorexie, DE: 1 %) abgehängt. In Österreich sind sogar 11 % betroffen. Unbeholfen und gedankenlos bewegen sich die Nutzer im Netz. Hinterfragen nichts und niemand. Unkritisch und naiv wird geglaubt und vertraut. Ungebremst rutschen sie in die personalisierte Sucht. Spielt der Kaufrausch noch eine untergeordnete Rolle, überragt die Sucht nach Bestätigung alles. Vor allem Facebook und YouTube nähren dieses Verlangen. Wie ein Dealer sacken sie ohne Gewissensbisse riesige Gewinne ein. Als einzige Gefahr droht ihnen, dass ihr abhängiges Klientel die wahre Bedeutung von “Leben” entdeckt … was kaum wahrscheinlich ist.

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