Aufmerksamkeitsdefizit und Junk Medien

“Keine Zeit” ist der Taktgeber unserer Zeit. Im Laufschritt hecheln wir durchs Leben, getrieben vom Verlangen nach Erfüllung, dessen Ausgestaltung längst die Wirtschaft bestimmt. Um in der Informationsflut nicht zu ertrinken, muss deren Aufnahme schnell gehen und flugs, aber nicht lange anhaltend, sättigen. Schließlich jagt ein wichtiges Thema das nächste … zumindest gefühlsmäßig. Auf ungesunde Inhaltsstoffe wird nicht geprüft; auch nicht, ob die Nahrung einseitig oder einfältig ist – was gefällt, wird klaglos geschluckt. Aufmerksamkeit wird im Vorbeigehen erledigt. Ebenso rasch erhebt und zerstreut sich Empörung – die nächste wartet schon. Flüchtigkeit regiert den Alltag. Dem Bedarf passen sich die Medien an und servieren oberflächliche, leicht verdauliche Häppchen. Selbstverständlich verwehrt man sich dem Vorwurf Junk (Müll) zu produzieren. Allerdings blitzen alte Tugenden unter der Fettschicht nur noch auf, wenn ihnen edelste Zutaten direkt unter die Nase gerieben werden (Panama/Paradise Papers, LuxLeaks, Snowden). Mehr Energie stecken Medien in die Gängelung potentieller Nutzer und vergrätzt diese mit nerviger Werbung, üblem Tracking und antiquierten Abo-Modellen. Den Einweg-Konsum befeuern sie, weil kaum ein Ereignis verfolgt wird, sondern im kollektivem Erinnerungsnirwana landet. Kein erneutes Aufgreifen und/oder Aktualisieren. Kein Melden von Entwicklungen und/oder Veränderungen. Da kommt die Henne-Ei Frage auf: Wo sank das Niveau zuerst? Generiert Qualität Einnahmen oder umgekehrt und wird das überhaupt noch wertgeschätzt? Während sich die Lieferanten im Kreis drehen, enteilen die Käufer und erschließen sich neue Bezugswege. Weil ihnen zudem vom traditionellen Gehabe des Althergebrachten schlecht wird, orientieren sie sich an Gleichgesinnten. Bevorzugt wird auf ein Aspekt geachtet: Kostenlos. Dieser sich durch alle Lebensbereiche ziehende Defizit-Kurs hat sich inzwischen fest eingenistet. Von überdrehten Medien angetrieben, sind sie selbst mit Motorschaden liegen geblieben und schreien nach einem politischen Abschleppseil: Leistungsschutzrecht. Uneinsichtig klammert sich deren Eitelkeit am Ruf vergangener Tage. Die “Vierte Gewalt” vegetiert schlaff und formlos im Stützkorsett vor sich hin, von der eigenen Arroganz ins Abseits gestellt. Ein neues Denken müsste her, aber da war ja was … keine Zeit.

Mehr Lektüre:

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Klartext: Ode an die Ignoranz (Heise)

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