Leistungsschutzrecht

Leistung soll honoriert werden, das ist unbestreitbar. Außerdem sollte es immer und stets gerecht vergütet werden. Doch obwohl die Feststellungen so nahe beieinander liegen, besteht bereits dringender Redebedarf. Grundsätzlich existiert ein umfassendes Urheberrecht. Allerdings wurde es nicht nur sträflich behandelt, sondern auch hintergangen und aufgeweicht. In erster Linie und an vorderster Front von denen, die jetzt jämmerliche Tränenseen produzieren. Im Quaken ist die Verlagsbranche vorbildlich.

Die Idealvorstellung, obwohl es der Normalzustand sein sollte, aber weit davon entfernt ist, ist, dass jeder Nachrichtenleser seine Lieferanten dafür bezahlt. Schwierig wird es, wenn man seine Leistung verschenkt und das auch noch mit Stolz geschwellter Brust; sich zudem mit seinen Mitbewerbern einen hanebüchenen Wettstreit um hochgejazzte Zahlenakrobatik liefern. Reichweite, Zugriffszahlen, Suchmaschinenplatzierung und Verweildauer übernahmen die Regie. Hinterm Vorhang setzte der Zerfall ein, erst unbemerkt, dann ignoriert.

Qualität hat inzwischen Kellerniveau erreicht, weswegen der verschenkte Inhalt überdies seine Wertigkeit einbüßt. Die Bereitschaft, dafür sein immer knapper werdendes Geld auszugeben, wo heutzutage unzählige Hände in diese Tasche greifen wollen, geht gen Null.

Selbst Schuld könnte man, kann man und muss man auch, konstatieren. Das ist sicher einfach, aber es trifft nun mal den Nagel auf den Kopf. Die Musik- und Filmbranche hat ihren Umbruch nahezu vollzogen; nicht ohne Blessuren, aber die Dürrezeit scheint überstanden zu sein. Was nicht heißt, jetzt ist alles gut, hier aber nicht Thema ist. Nur Buch- und Zeitungsverlage halten stoisch an ihrem eingebildeten Anspruch fest, alleine aus ihrer Existenz eine zahlungspflichtige Bedeutung abzuleiten.

Nun sollen also andere für die eigenen Versäumnisse büßen. Andere, die gezeigt haben, was mit Agilität zu erreichen ist. Die sollen nun die Sänfte tragen, damit man sich nicht bei seinen Annehmlichkeiten einschränken muss. Für Politiker sind diesbezüglich kaum Anstrengungen nötig, weil die es gewohnt sind Gewehr bei Fuße zu stehen. Und mit Worten kann man schließlich umgehen, da kriegen sogar die Geister, die man rief, Gänsehaut.

Dreht man dieser Ausgangslage mal den Rücken zu, erblickt man stinkende, sabbernde Schlünde widerlicher Monster, die im Schlepptau hinterher gezogen werden. Eines der ekelhaftesten ist die scheinheilige Lüge, mit der die Schwächsten als Schutzschild in die Schlacht geschickt werden: die Urheber_innen. Sowohl beim LSR, als auch bei den Verschärfungen zum Urheberrecht, wird von den Politikern missachtet, dass Vergütungen nicht leistungsgerecht bei den Urhebern ankommen! Verlage beanspruchen die Leistungserstellung für sich und degradieren die eigentlichen Schöpfer zu Lohnsklaven. Um dem lauten Geschrei der Verlage zu entkommen, übersehen die Politiker eine unverrückbare Tatsache: ohne Urheber gäbe es keinen Verlag! Keinen, nicht einen einzigen! Aber Politik beteiligt sich an dem verlogenen Spiel der Verlage.

Des weiteren wird ein Aspekt des LSR scheinbar unterschätzt und deswegen unterschlagen: Fake-News, also die gefürchteten Falschmeldungen, die man eigentlich bekämpfen will, aber Gegenteiliges erreicht. Setzen Medien “Qualität” mit “Wahrheit” gleich, verstecken diese aber hinter Paywalls oder anderen kostenpflichtigen Maßnahmen, so dass sie nur einem zahlungskräftigen Klientel zugänglich sind, verbreiten sich stattdessen Fake-News. Deren Ersteller sind an massenhafter Verbreitung interessiert, für die diese Gegebenheiten beste Voraussetzungen liefern.

Gegen die selbst beauftragte Studie zu handeln, ist hingegen typische Politik. Denn am Dirigentenpult stehen die Lobbyisten und geben den Takt vor. Mario Sixtus formuliert es auf den Punkt gebracht: ein bedingungsloses Verleger-Grundeinkommen.

Zu so viel Irrsinn dürften nicht mal die Schildbürger imstande sein.

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